Der August hat begonnen – dieses Jahr wird er so 08/15.
Markus Beckedahl tut mir leid
Beckedahl engagiert sich seit vielen Jahren dafür, daß Deutschland kein Internet-Neuland bleibt. Man kann ihm wirklich nur ehrenwerte Motive unterstellen, und ich finde seine Arbeit bemerkenswert. Ich wünschte, es gäbe mehr engagierte Menschen wie Markus.
Was man ihm allerdings durchaus vorwerfen muß, ist eine bemerkenswerte Naivität. Er müßte, gerade weil er seit vielen Jahren so engagiert und vernetzt ist, die bundesdeutsche Politik besser kennen als manch ein anderer. Die Veröffentlichungen, wegen derer er jetzt angeklagt werden könnte, waren hochbrisant und das hätte er wissen müssen. Insofern kann man schon auch sagen: selbst schuld.
Wolfgang Münchau schreibt ja oft gut, nicht immer bin ich seiner Meinung, aber heute hat er den Vogel abgeschossen.
Griechenland sollte das Angebot der Troika ausschlagen und Staatsbankrott androhen. Wenn es soweit käme, hätten allein Deutschland und Frankreich 160 Milliarden € Verlust zu tragen und Angela Merkel und Francois Hollande wären die größten Versager der Geschichte. Und das wissen die beiden auch.
Daher gäbe es für die EU, trotz allem, keine Alternative dazu, Griechenlands Schulden deutlich zu reduzieren. Deutliche Worte.
Heute in der „Financial Times“.
http://www.ft.com/intl/cms/s/0/5e38f1be-1116-11e5-9bf8-00144feabdc0.html
Entführungen in Ostafrika
Seit Monaten oder noch länger ist es en vogue: Entführungen in Somalia, im Sudan, in Äthiopien. Es sind aber keine Europäer, die entführt werden, sondern Afrikaner – deswegen geht das Thema leider in unseren Hauptnachrichten etwas unter.
Wir haben jetzt in unserer Kirchengemeinde eine Anfrage bekommen. Eine gute Bekannte, geboren und aufgewachsen in Köln, aber mit afrikanischen Verwandten, bittet um ein Darlehen im hohen vierstelligen Bereich. Ihr Cousin wurde im Sudan entführt, wohl von Islamisten, und die Entführer wollen ihn nur gegen Lösegeld wieder freilassen.
Es ist bekannt, daß dieses Lösegeld in der Summe gestaffelt ist. In Somalia ist es eher niedriger, da die Verwandten auch bitterarm sind. In Äthiopien und Eritrea ist es höher. Und wenn bekannt wird, daß Angehörige in Europa leben, ist es natürlich noch viel höher.
Wie sollen wir auf diese Anfrage nach Lösegeld reagieren? Wie würden Sie reagieren? Und was kann die Weltgemeinschaft, ggf. zusammen mit der AU, tun, um diesen neuen Trend zu stoppen?
Seit einigen Tagen gibt es an vielen Kindergärten in Deutschland einen unbefristeten Streik der Erzieherinnen und Erzieher. Heute bin ich zufällig an der DGB-Zentrale in Köln vorbeigekommen, wo sich seit Montag viele streikende Erzieherinnen versammeln, und habe mit einigen von ihnen ein längeres Gespräch geführt.

Sie fordern mehr Geld, d.h. eine Einstufung in eine höhere Tarifgruppe
1) Weil die Arbeit mit den unter 3-jährigen viel anstrengender ist als bisher die Arbeit mit den älteren Kindern
2) Weil die Anforderungen durch Bildungsdokumentation in den letzten Jahren enorm gestiegen sind. Früher mußten die Kinder nur betreut werden, jetzt muß zusätzlich ganz viel darüber aufgeschrieben werden
3) Weil durch das niedrige Gehalt immer weniger Männer den Erzieherberuf ergreifen, und einige männliche Bezugspersonen in jeder Kita wichtig sind
4) Weil immer mehr Flüchtlinge ihre Kinder in den Kindergarten schicken. Die Kinder können kein deutsch, aber Kinder lernen ja schnell. Viel anstrengender für die Erzieher ist, daß auch die Flüchtlingseltern natürlich kein deutsch können. In Verbindung mit 2) macht das die Arbeit der Erzieherinnen noch viel aufwendiger.
Insbesonders der erste und der letzte Punkt sind eindeutig eine Folge der Bundespolitik. Daher ist es absolut unverantwortlich, daß die Kommunen das Geld für die Erziehergehälter aufbringen müssen. Ich sehe keine Lösung im derzeitigen Kitastreik in Sicht, wenn nicht Herr Schäuble sein Portemonnaie ganz weit aufmacht. Vor allem ist das ein guter Anlaß, die schwachsinnige Schuldenbremse aus dem Grundgesetz ganz schnell wieder zu streichen!
Unrechtsstaat DDR?
Ein wohltuender Artikel von Ernst-Wolfgang Böckenförde, emeritierter Professor der Universität Freiburg i.Br., wo ich ihn kennengelernt habe, und von 1983 bis 1996 Richter am Bundesverfassungsgericht.
Heute in der F.A.Z.
Sein Fazit: Zum Zusammenwachsen [der beiden Teile Deutschlands] gehört die sorgfältige, differenzierte und unideologische Wahrnehmung der anderen, ihrer Vergangenheit, ihrer Prägung. Die globale Abqualifizierung der DDR als Unrechtsstaat hilft dabei nicht weiter.
Wir alle, die wir Mieter einer Wohnung sind, kennen das. Wir haben zwar Rechte, aber wir sind oft auch den Launen des Vermieters ausgesetzt. Wenn der eine Sanierung des Hauses vornehmen will, neue Fenster einbaut oder neue Heizungszähler, haben wir letztlich kaum eine Möglichkeit, das zu verhindern. Wir können mit ihm reden, und notfalls können wir ausziehen und uns eine neue Wohnung suchen.
Doch es gibt auch Regeln, an die sich der Vermieter zu halten hat. Er darf oft die Miete nur innerhalb bestimmter Grenzen erhöhen, er darf – außer bei Gefahr im Verzug – die Wohnung nicht unerlaubt betreten, und überhaupt muß er sich an eine ganze Reihe von Gesetzen und örtlichen Verordnungen halten.
Heute hat mein Vermieter ernsthaft versucht, mich zu bestehlen.
Er hat in meiner Abwesenheit an jedem Briefkasten ein Schild anbringen lassen „Bitte keine Reklame einwerfen“. Wenn ich nicht zufällig kurz danach nach Hause gekommen, sondern z.B. gerade eine Woche lang verreist gewesen wäre, so wie letzte Woche, hätte ich tagelang keine Werbung erhalten. Werbung, die für mich bestimmt war, gedruckt und handverteilt.
Ich hoffe, mein Vermieter sieht seinen Fehler ein. Wenn nicht, werde ich wohl härtere Saiten aufziehen müssen.
Update 2. Mai 2015: Mein Vermieter hat sich heute für das Anbringen der Aufkleber schriftlich bei mir entschuldigt.
Das ist ein gutes Beispiel dafür, warum wir eine repräsentative und keine direkte Demokratie brauchen in Deutschland. Auch, wenn 69% der Deutschen die Todesstrafe für manche Delikte fordern würden, ist es dennoch gut, daß es keine Todesstrafe mehr gibt in Deutschland. Weil sich das für einen modernen Staat einfach nicht gehört.
So ist das auch mit der VDS. Nur, weil die Mehrheit der Deutschen sie ablehnt (wenn die Zahlen von Amnesty stimmen), ist das kein Grund für die deutsche Bundesregierung, sie nicht endlich einzuführen. Weil sie schlecht, aber leider notwendig ist.
Dumm gelaufen
Professor Welzer hat viele interessante Gedanken zum Thema Medien und Privatsphäre. Es hat sich gelohnt, das Interview im „Kölner Stadtanzeiger“ zu lesen. Aber dennoch bekomme ich einen Schreikrampf, wenn er sagt, daß er weder Facebook, noch XING oder WhatsApp nutzt. Wieso nicht?
Echt schlimm auch, daß er Hans Magnus Enzenzberger und seine Aufforderung, Smartphones wegzuwerfen, auch noch verteidigt. Daß solche Meinungen immer noch von Menschen, die sich für die „intellektuelle Elite“ in Deutschland halten, geteilt werden, macht mir Angst. Gehen Sie doch zurück auf Ihren Baum, Herr Welzer, und lassen Sie uns in Deutschland in Ruhe mit Ihren seltsamen Gedanken. Halten Sie Vorträge in Seniorenclubs und anderswo, wo man mit der Welt von heute schon längst abgeschlossen hat, weil man sie nicht mehr versteht.
Aber billigen Sie uns „normalen“ Menschen zu, auch normal zu leben. Und dazu braucht man im Jahr 2015 ein Smartphone, mit allen Apps, die dazugehören. Dann haben wir als Folge eben keine Privatsphäre mehr. Na und?




