Pilita Clark
Ich bin eine gesetzestreue Bürgerin, außer, wenn ich auf dem Fahrrad sitze.

Als diesen Monat in England endlich die Sonne anfing, zu scheinen, konnte ich es kaum erwarten, mein Fahrrad aus dem Keller zu holen, um damit täglich zur Arbeit zu fahren.

Sobald ich damit auf der Straße war, kam mir der altbekannte Gedanke wieder: die Fahrradfahrer in London sind furchterregend. Sie schlängeln sich an roten Ampeln vorbei. Sie fahren manchmal auf dem Bürgersteig. Sie fahren Einbahnstraßen in entgegengesetzer Richtung und über Zebrastreifen, bevor die Fußgänger die Gelegenheit haben, selbst den Zebrastreifen zu betreten.

Ich sage dieses voller Überzeugung, denn ich bin eine von ihnen. Die meisten dieser Sünden habe ich selbst schon begangen, und noch ein paar andere. Wenn Sie neulich am Morgen auf dem Wochenmarkt in Smithfield gewesen wären, wüßten Sie das.

Können Sie nicht lesen!", schrie eine Frau, während ich auf meinem Fahrrad auf einem kleinen Weg durch den Markt fuhr, hinter einigen anderen Fahrradfahrern, die vor mir den gleichen Weg radelten. Ich wandte meinen Blick auf den Boden, auf den sie zeigte, und nach langem Suchen fand ich schließlich zwei Wörter, die mit fast verblichener weißer Farbe auf den Boden gemalt waren: Fahrradfahren verboten".

Ich stieg von meinem Fahrrad ab und ging schuldbewußt langsam weiter, während ich das Fahrrad neben mir her schob. Ich habe allerdings nicht vor, mich in Zukunft an alle Regeln zu halten, wenn ich mich auf Londons Straßen vorwärtsbewege - nicht, solange sie sich so hoffnungslos gegen die Fahrradfahrer richten. Genauso sehe ich es auch, wenn ich in New York bin, oder in einer anderen großen Stadt, die Radfahrer vor die Wahl stellen, entweder zu überleben oder sich an alle Regeln zu halten.

Zu meiner Verteidigung muß ich sagen, daß ich mich absolut regelkonform verhalte, wenn ich auf den besten Abschnitten eines der Fahrradschnellwege bin, die in den letzten Jahren in einer Länge von insgesamt 65km durch ganz London gebaut wurden. Seit dem Jahr 2010 geschieht das, mit tollen Trennwänden aus Beton und besonderen Fahrradampeln. Das gilt auch für die 100km verkehrsberuhigten Straßen, die Radfahrer durch die Nebenstraßen der Stadt leiten.

Aber diese Nischen machen nur einen kleinen Teil der städtischen Straßen in London aus, und es ist ein Wunder, daß es sie überhaupt gibt, wenn man bedenkt, wie laut sich die Autofahrer über sie beschweren.

Die Stadt ist immer noch für Autos gemacht, obwohl diese nur 5% der 1,3 Millionen Menschen befördern, die jeden Morgen im Berufsverkehr in die Innenstadt fahren.

Daher mache ich, was nötig ist, um zu überleben.

Wenn ich eine gefährliche Spur schnell fließenden Verkehrs vermeiden kann, indem ich ein paar Meter auf einen leeren Bürgersteig ausweiche, dann mache ich das. Wenn ich eine rote Ampel überfahre, wenn offensichtlich kein anderer Verkehrsteilnehmer weit und breit in Sicht ist, dann mache ich das auch. (Diese Verhalten wurde übrigens vor ein paar Jahren in Städten wie z.B. Paris legalisiert). Und wenn ich jemals in der Nähe eines LKWs bin, kann ich für nichts mehr garantieren. Die offiziellen Statistiken besagen, daß LKWs in den letzten Jahren für 53% der tödlichen Unfälle mit Radfahrern verantwortlich waren, und für 18% der tödlichen Unfälle mit Fußgängern, obwohl LKWs nur 4% der gesamten Verkehrsleistung erbringen.

Ich sollte an dieser Stelle anfügen, daß ich, wie die meisten der mit dem Rad zur Arbeit fahrenden Menschen, die ich jeden Tag sehe, außergewöhnlich vorsichtig bin.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als ich als Autofahrerin selbst fast einen Radfahrer umgefahren habe, und deshalb trage ich eine scheußliche gelbe Jacke, und habe mein Fahrrad überall mit Reflektoren ausgestattet. Ich nähere mich den gefährlichen Kreuzungen wie eine junge Gazelle in der Nähe einer Löwenhöhle, immer darauf aus, nicht eine der 400 Radfahrer zu werden, die seit dem Jahr 2013 jedes Jahr in der Londoner Innenstadt getötet oder schwer verletzt werden.

Ich würde nie auf die Idee kommen, ein Fixie" zu fahren, also ein Fahrrad ohne Vorderbremse und ohne feste Gangschaltung, wie das Rad, das dieser Teenager gefahren hat, als er im Jahr 2016 in East London eine Frau überfahren und getötet hat.

Es gab verständlicherweise einen Aufschrei der Entrüstung bezüglich dieses tragischen Falles, und die Regierung möchte die Strafen für unverantwortliche Radfahrer erhöhen. Das ist in Ordnung. Aber ich wünschte mir, daß Autofahrer, die auf Fahrradwegen parken, ebenfalls härter bestraft werden, besonders diejenigen, die ihre Türen aufreißen und vorbeifahrende Fahrradfahrer dadurch verletzen. Denn es ist leider wahr, daß Radfahrer viel eher Opfer des Straßenverkehrs werden als ihre Unfallgegner.

In den 10 Jahren zwischen 2007 und 2016 waren 98,9% aller getöten Fußgänger in Großbritannien, die bei Zusammenstößen auf dem Gehweg oder am Straßenrand umkamen, die Folge einer Kollision mit einem motorisierten Fahrzeug, nicht mit einem Fahrrad. Es gab nicht einen einzigen Fußgänger, der von einem Radfahrer getötet wurde, der eine rote Ampel überfuhr.

Diese Zahlen würde man nicht vermuten, wenn man unseren Verkehrsminister Chris Grayling reden hört, der selbst kein Fahrradfahrer ist (und der selbst einmal einen Radfahrer verletzte, als er seine Autotür öffnete). Er denkt, daß einige Fahrradwege ein Problem für Straßenbenutzer sind, und hat sich Gedanken über Radfahrer gemacht, die Regeln übertreten.

Es wird im Laufe der Zeit sicher besser werden, wenn eine Generation fahrradfreundlichere Politiker an die Macht kommt. Ich lebe in der Hoffnung, daß es in Zukunft mehr Fahrradschnellwege geben wird, daß LKWs im Berufsverkehr verboten werden, und daß man als Radfahrer zukünftig legal eine rote Ampel überfahren darf, wenn keine Gefahr besteht.

Bis dahin werde ich, wenn es die Wahl gibt zwischen einer Befolgung der Regeln einerseits und am Leben zu bleiben andererseits, auf der falschen, aber vernünftigeren Seite des Gesetzes bleiben.

Schreiben Sie an die Autorin Pilita Clark

Quelle: Financial Times, Montag, 30. April 2018, Seite 12