{"id":1445,"date":"2018-04-30T20:02:20","date_gmt":"2018-04-30T19:02:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.020965.de\/?p=1445"},"modified":"2018-05-01T06:17:57","modified_gmt":"2018-05-01T05:17:57","slug":"ich-fahre-bei-rot-ueber-ampeln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.020965.de\/?p=1445","title":{"rendered":"Ich fahre bei rot \u00fcber Ampeln"},"content":{"rendered":"<p><code><FONT SIZE=\"6\"><B>Pilita Clark<\/B><\/FONT><br \/>\n<B>Ich bin eine gesetzestreue B&uuml;rgerin, au&szlig;er, wenn ich auf dem Fahrrad sitze.<\/B><\/p>\n<p>Als diesen Monat in England endlich die Sonne anfing, zu scheinen, konnte ich es kaum erwarten, mein Fahrrad aus dem Keller zu holen, um damit t&auml;glich zur Arbeit zu fahren.<\/p>\n<p><P>Sobald ich damit auf der Stra&szlig;e war, kam mir der altbekannte Gedanke wieder: die Fahrradfahrer in London sind furchterregend. Sie schl&auml;ngeln sich an roten Ampeln vorbei. Sie fahren manchmal auf dem B&uuml;rgersteig. Sie fahren Einbahnstra&szlig;en in entgegengesetzer Richtung und &uuml;ber Zebrastreifen, bevor die Fu&szlig;g&auml;nger die Gelegenheit haben, selbst den Zebrastreifen zu betreten.<\/p>\n<p><P>Ich sage dieses voller &Uuml;berzeugung, denn ich bin eine von ihnen. Die meisten dieser S&uuml;nden habe ich selbst schon begangen, und noch ein paar andere. Wenn Sie neulich am Morgen auf dem Wochenmarkt in Smithfield gewesen w&auml;ren, w&uuml;&szlig;ten Sie das.<\/p>\n<p><P><FONT FACE=\"Times New Roman\">&#8222;<\/FONT>K&ouml;nnen Sie nicht lesen!<FONT FACE=\"Times New Roman\">\"<\/FONT>, schrie eine Frau, w&auml;hrend ich auf meinem Fahrrad auf einem kleinen Weg durch den Markt fuhr, hinter einigen anderen Fahrradfahrern, die vor mir den gleichen Weg radelten. Ich wandte meinen Blick auf den Boden, auf den sie zeigte, und nach langem Suchen fand ich schlie&szlig;lich zwei W&ouml;rter, die mit fast verblichener wei&szlig;er Farbe auf den Boden gemalt waren: <FONT FACE=\"Times New Roman\">&#8222;<\/FONT>Fahrradfahren verboten<FONT FACE=\"Times New Roman\">\"<\/FONT>.<\/p>\n<p><P>Ich stieg von meinem Fahrrad ab und ging schuldbewu&szlig;t langsam weiter, w&auml;hrend ich das Fahrrad neben mir her schob. Ich habe allerdings nicht vor, mich in Zukunft an alle Regeln zu halten, wenn ich mich auf Londons Stra&szlig;en vorw&auml;rtsbewege - nicht, solange sie sich so hoffnungslos gegen die Fahrradfahrer richten. Genauso sehe ich es auch, wenn ich in New York bin, oder in einer anderen gro&szlig;en Stadt, die Radfahrer vor die Wahl stellen, entweder zu &uuml;berleben oder sich an alle Regeln zu halten.<\/p>\n<p><P>Zu meiner Verteidigung mu&szlig; ich sagen, da&szlig; ich mich absolut regelkonform verhalte, wenn ich auf den besten Abschnitten eines der Fahrradschnellwege bin, die in den letzten Jahren in einer L&auml;nge von insgesamt 65km durch ganz London gebaut wurden. Seit dem Jahr 2010 geschieht das, mit tollen Trennw&auml;nden aus Beton und besonderen Fahrradampeln. Das gilt auch f&uuml;r die 100km verkehrsberuhigten Stra&szlig;en, die Radfahrer durch die Nebenstra&szlig;en der Stadt leiten.<\/p>\n<p><P>Aber diese Nischen machen nur einen kleinen Teil der st&auml;dtischen Stra&szlig;en in London aus, und es ist ein Wunder, da&szlig; es sie &uuml;berhaupt gibt, wenn man bedenkt, wie laut sich die Autofahrer &uuml;ber sie beschweren.<\/p>\n<p><P>Die Stadt ist immer noch f&uuml;r Autos gemacht, obwohl diese nur 5% der 1,3 Millionen Menschen bef&ouml;rdern, die jeden Morgen im Berufsverkehr in die Innenstadt fahren.<\/p>\n<p><P>Daher mache ich, was n&ouml;tig ist, um zu &uuml;berleben.<\/p>\n<p><P>Wenn ich eine gef&auml;hrliche Spur schnell flie&szlig;enden Verkehrs vermeiden kann, indem ich ein paar Meter auf einen leeren B&uuml;rgersteig ausweiche, dann mache ich das. Wenn ich eine rote Ampel &uuml;berfahre, wenn offensichtlich kein anderer Verkehrsteilnehmer weit und breit in Sicht ist, dann mache ich das auch. (Diese Verhalten wurde &uuml;brigens vor ein paar Jahren in St&auml;dten wie z.B. Paris legalisiert). Und wenn ich jemals in der N&auml;he eines LKWs bin, kann ich f&uuml;r nichts mehr garantieren. Die offiziellen Statistiken besagen, da&szlig; LKWs in den letzten Jahren f&uuml;r 53% der t&ouml;dlichen Unf&auml;lle mit Radfahrern verantwortlich waren, und f&uuml;r 18% der t&ouml;dlichen Unf&auml;lle mit Fu&szlig;g&auml;ngern, obwohl LKWs nur 4% der gesamten Verkehrsleistung erbringen. <\/p>\n<p><P>Ich sollte an dieser Stelle anf&uuml;gen, da&szlig; ich, wie die meisten der mit dem Rad zur Arbeit fahrenden Menschen, die ich jeden Tag sehe, au&szlig;ergew&ouml;hnlich vorsichtig bin.<\/p>\n<p><P>Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als ich als Autofahrerin selbst fast einen Radfahrer umgefahren habe, und deshalb trage ich eine scheu&szlig;liche gelbe Jacke, und habe mein Fahrrad &uuml;berall mit Reflektoren ausgestattet. Ich n&auml;here mich den gef&auml;hrlichen Kreuzungen wie eine junge Gazelle in der N&auml;he einer L&ouml;wenh&ouml;hle, immer darauf aus, nicht eine der 400 Radfahrer zu werden, die seit dem Jahr 2013 jedes Jahr in der Londoner Innenstadt get&ouml;tet oder schwer verletzt werden.<\/p>\n<p><P>Ich w&uuml;rde nie auf die Idee kommen, ein <FONT FACE=\"Times New Roman\">&#8222;<\/FONT>Fixie<FONT FACE=\"Times New Roman\">\"<\/FONT> zu fahren, also ein Fahrrad ohne Vorderbremse und ohne feste Gangschaltung, wie das Rad, das dieser Teenager gefahren hat, als er im Jahr 2016 in East London eine Frau &uuml;berfahren und get&ouml;tet hat.<\/p>\n<p><P>Es gab verst&auml;ndlicherweise einen Aufschrei der Entr&uuml;stung bez&uuml;glich dieses tragischen Falles, und die Regierung m&ouml;chte die Strafen f&uuml;r unverantwortliche Radfahrer erh&ouml;hen. Das ist in Ordnung. Aber ich w&uuml;nschte mir, da&szlig; Autofahrer, die auf Fahrradwegen parken, ebenfalls h&auml;rter bestraft werden, besonders diejenigen, die ihre T&uuml;ren aufrei&szlig;en und vorbeifahrende Fahrradfahrer dadurch verletzen. Denn es ist leider wahr, da&szlig; Radfahrer viel eher Opfer des Stra&szlig;enverkehrs werden als ihre Unfallgegner.<\/p>\n<p><P>In den 10 Jahren zwischen 2007 und 2016 waren 98,9% aller get&ouml;ten Fu&szlig;g&auml;nger in Gro&szlig;britannien, die bei Zusammenst&ouml;&szlig;en auf dem Gehweg oder am Stra&szlig;enrand umkamen, die Folge einer Kollision mit einem motorisierten Fahrzeug, nicht mit einem Fahrrad. Es gab nicht einen einzigen Fu&szlig;g&auml;nger, der von einem Radfahrer get&ouml;tet wurde, der eine rote Ampel &uuml;berfuhr.<\/p>\n<p><P>Diese Zahlen w&uuml;rde man nicht vermuten, wenn man unseren Verkehrsminister Chris Grayling reden h&ouml;rt, der selbst kein Fahrradfahrer ist (und der selbst einmal einen Radfahrer verletzte, als er seine Autot&uuml;r &ouml;ffnete). Er denkt, da&szlig; einige Fahrradwege ein Problem f&uuml;r Stra&szlig;enbenutzer sind, und hat sich Gedanken &uuml;ber Radfahrer gemacht, die Regeln &uuml;bertreten. <\/p>\n<p><P>Es wird im Laufe der Zeit sicher besser werden, wenn eine Generation fahrradfreundlichere Politiker an die Macht kommt. Ich lebe in der Hoffnung, da&szlig; es in Zukunft mehr Fahrradschnellwege geben wird, da&szlig; LKWs im Berufsverkehr verboten werden, und da&szlig; man als Radfahrer zuk&uuml;nftig legal eine rote Ampel &uuml;berfahren darf, wenn keine Gefahr besteht. <\/p>\n<p><P>Bis dahin werde ich, wenn es die Wahl gibt zwischen einer Befolgung der Regeln einerseits und am Leben zu bleiben andererseits, auf der falschen, aber vern&uuml;nftigeren Seite des Gesetzes bleiben.<\/p>\n<p><a href=\"mailto:pilita.clark@ft.com\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Schreiben Sie an die Autorin Pilita Clark<\/a><br \/>\n<\/code><br \/>\nQuelle: Financial Times, Montag, 30. April 2018, Seite 12<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pilita Clark Ich bin eine gesetzestreue B&uuml;rgerin, au&szlig;er, wenn ich auf dem Fahrrad sitze. 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